Ursula Witzmann-Müller ist Expertin für Beteiligungsprozesse. Zum Mobilitätsplan 2040 trägt sie auch an mehreren Stellen bei. Heute gibt sie uns in unserer Interviewreihe zum Ideenbewerb „Gemeinsam bewegen wir Salzburg Richtung Mobilitätszukunft 2040“ Einblicke in ihre Erfahrungen aus der Praxis.

© Anna Pirato/Stadt Salzburg
Liebe Ursula, bitte stelle dich kurz vor …
Ich unterstütze mit meinem Büro UWM.Mobilität mittels unterschiedlichster Projekte eine lebenswerte Gestaltung unserer öffentlichen Räume. Dabei spielt die Mobilität, und wie der Platz im öffentlichen Raum verteilt ist, natürlich eine wesentliche Rolle.
Bei der Erarbeitung des Mobilitätsplans 2040 habe ich gemeinsam mit Point& die Ideenworkshops sowie den Mobilitätstag durchgeführt – also jene Veranstaltungen, bei denen Bürger:innen direkt ihre Anliegen und Ideen zur Entwicklung der Mobilität in Salzburg einbringen können.
Du kennst viele Mobilitätsprojekte in unterschiedlichen Städten – was unterscheidet Salzburg?
Salzburg ist eine Stadt der kurzen Wege, die meisten Alltagswege innerhalb der Stadt liegen unter 5 km, was perfekte Radfahrdistanzen sind. Gleichzeitig sind viele dieser Wege in wirklich schöner Umgebung, sodass das zu Fuß oder am Fahrrad unterwegs sein ein Genuss ist. Jedoch ist Salzburg eine gut eingefahrene Autofahrerstadt: die Bewohner:innen und auch Gäste sind gewohnt, selbst kurze Distanzen mit dem PKW zurückzulegen. Hier ein Umdenken und Umsteigen zu erzielen, braucht Zeit und vor allem Mut bei Entscheidungsträger:innen. Der Mobilitätsplan 2040 denkt Mobilität als Ganzes und in seiner Vielseitigkeit und spielt nicht einzelne Verkehrsarten gegeneinander aus. Das ist sehr schön zu sehen und ich hoffe, dass das Ziel 80/20 erreicht wird, da dies Salzburg spürbar mehr Lebensqualität für alle geben würde.
Wo liegen die größten Herausforderungen, wenn man Bürger:innen wirklich einbinden möchte?
Bürger:innenbeteiligung muss ehrlich sein. Das bedeutet, ich darf Bürger:innen nur dann einbinden, wenn sie in einem Prozess auch tatsächlich mitreden können. Wenn die eingebrachten Ideen nicht gesichtet und berücksichtigt werden, erwirkt man nur Frust. Das heißt, es muss von Beginn an ganz klar der Rahmen kommuniziert werden, was bereits vorgegeben und in welchen Bereichen Mitreden und Mitbestimmen möglich ist. Außerdem ist die Einbindung aller relevanten Zielgruppen eine große Herausforderung. So sind zum Beispiel Jugendliche und junge Erwachsene sehr schwer zu erreichen, hier benötigt es gezielte Einladungen und angepasst Formate. Bei der Ideensammlung für den Mobilitätsplan war die Möglichkeit, sich über die Online Plattform sowie über Vor-Ort Workshops einbringen zu können, eine sehr gute Kombination. Somit wurden sowohl jene Personen angesprochen, die vorwiegend digital unterwegs sind als auch Menschen, die den persönlichen Austausch suchen.

© Doris Wild / Stadt Salzburg
Im Ideenbewerb kommen viele unterschiedliche Vorschläge zusammen – was macht eine gute Bürgeridee aus deiner Sicht aus?
Ideen und Maßnahmen in Prozessen wie dem Mobilitätsplan sollen natürlich der Allgemeinheit nützen und nicht die Erfüllung eines sehr individuellen Bedürfnisses sein. Gerade in Stadt- und Verkehrsplanungsprozessen benötigt es oft Kompromisse und ein aufeinander Zugehen, sowie das Einnehmen der verschiedenen Perspektiven. Das bedeutet, dass Ideen im ersten Schritt vielleicht eine Einschränkung für manche Personen bedeuten, im Gesamtpaket und im Zusammenwirken mit anderen Maßnahmen dann aber eine deutliche Verbesserung bringen. Eine gute (Bürger:innen-)Idee, denkt also über die ganz persönlichen und individuellen Anforderungen hinaus und hat übergeordnete Ziele, andere Perspektiven und vor allem das sich Ergänzen im Blick.
Welche Rolle spielen solche Ideenprozesse für die Qualität von Entscheidungen?
Insgesamt bringen Beteiligungsprozesse, wenn sie gut und wirksam geführt werden, ein besseres gegenseitiges Verständnis der verschiedenen strukturellen Ebenen. Außerdem sind Bewohner:innen die Expert:innen des Alltags in der eigenen Stadt. Diese Schwarmintelligenz nicht zu nutzen wäre schlicht und einfach auch gar nicht sinnvoll. Welche Ideen und Maßnahmen dann rechtlich, organisatorisch oder auch finanziell umsetzbar sind, müssen Fachexpert:innen gemeinsam mit der Verwaltung prüfen und wird weiters politisch entschieden. Das Um und Auf solcher Prozesse ist das miteinander in Kommunikation treten, verschiedene Sichtweisen einnehmen und sich gegenseitig erklären dürfen. Damit können Entscheidungen getroffen werden, die nicht nur aus einer einzelnen Überzeugung sondern von einer breiten Menge getragen werden.
Was hat dich im aktuellen Prozess in Salzburg besonders überrascht?
Ich freue mich besonders über die sehr konstruktive und wertschätzende Gesprächsebene, die bei allen Workshops und Beteiligungstagen herrschte bzw. herrscht. Medial wirkt das Thema Verkehr in Salzburg oft sehr aufgeladen und verhärtet. Spricht man aber mit den Bürger:innen, ist sehr viel Wille und Bereitschaft für Veränderung da. Das finde ich sehr schön und sollte auch in der Öffentlichkeitsarbeit viel mehr sichtbar sein.
Warum lohnt es sich für Bürger:innen, sich an solchen Prozessen zu beteiligen?
Jede und jeder von uns erlebt in der eigenen Alltagsmobilität Momente, in denen man sich denkt „… würde es nicht besser funktionieren, wenn…“. Diese Idee dann nicht nur in Gedanken fertig zu spielen sondern tatsächlich der Stadtverwaltung und Politik vorschlagen zu können, ist doch eine wunderbare Sache. Vor allem, weil die Ideen bei diesem Prozess tatsächlich alle gelesen und auf ihre Umsetzbarkeit geprüft werden. Im besten Fall dann ja sogar umgesetzt werden, und das ist dann schon ziemlich cool. Dann hat man die Entwicklung der Mobilität in Salzburg nicht nur durch Alltagsverhalten sondern auch auf strategischer Ebene mitgeprägt.
Du interessierst dich für die eingereichten Ideen der Bürger:innen zum Mobilitätsplan 2040? Hier kannst du sie jederzeit einsehen:

© Anna Pirato/Stadt Salzburg
