Blick hinter die Kulissen: Harald Frey im Interview

Die Ziele des Salzburger Mobilitätsplans 2040 wurden im letzten Jahr von einem Expert:innenteam entwickelt und sind im Gemeinderat beschlossen worden. Teil dieses Teams war Harald Frey, der uns im Rahmen unserer Interviewreihe zum Ideenbewerb „Gemeinsam bewegen wir Salzburg Richtung Mobilitätszukunft 2040“ im IdeaSpace spannende Einblicke in seine Arbeit gibt.

Lieber Harald, bitte stelle dich kurz vor …

Mein Name ist Harald Frey und ich arbeite seit 20 Jahren an der TU-Wien im Bereich Verkehrswissenschaft und Verkehrsplanung. Neben der interdisziplinären Forschungstätigkeit an der Schnittstelle zu Raumplanung und Städtebau erarbeite ich Verkehrskonzepte für Städte und Gemeinden und unterstütze sie in verkehrstechnischen Fragestellungen. Nach der Erstellung des Mobilitätsplanes für die Stadt Graz gemeinsam mit con.sens Mobilitätsdesign haben wir im Auftrag der Stadt Salzburg die Ziele für den Salzburger Mobilitätsplan gemeinsam entwickeln dürfen und begleiten nun den weiteren Prozess zur Maßnahmenerarbeitung.

Was war euch bei der Entwicklung der Ziele für den Salzburger Mobilitätsplan 2040 besonders wichtig?

Für langfristige Strategien und Pläne sind definierte Ziele entscheidend, einerseits, um zu wissen, wie sich die Mobilität in der Stadt Salzburg bis zum Jahr 2040 entwickeln soll, aber auch, um zu sehen, ob die gesetzten Maßnahmen wirksam genug sind, um die Ziele zu erreichen. Dafür braucht es eine kontinuierliche Evaluierung, etwa durch Mobilitätserhebungen und Zählungen. Insgesamt geht es darum, jene Verkehrsarten zu stärken, die eine effiziente, soziale und umweltschonende Fortbewegung in der Stadt ermöglichen; also den Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr. Die Ziele, die in etwa eine Halbierung der mit dem privaten Pkw zurückgelegten Wege vorsehen, sind ambitioniert, aber machbar und notwendig, um beispielsweise den Busverkehr konsequent beschleunigen zu können.

Workshop Dekobild

© Doris Wild/Stadt Salzburg

Welche spezifischen Herausforderungen bringt Salzburg aus deiner Sicht mit?

Aufgrund der geografischen Lage und der Dynamik in der Stadtregion werden hohe Pkw-Anteile im Stadt- und stadtgrenzüberschreitenden Verkehr zusätzlich mit Aufkommen im Tourismusverkehr überlagert. Gleichzeitig besitzt die Stadt aufgrund ihrer kompakten Siedlungsstrukturen enormes Potenzial, um den Anteil im Fuß- und Radverkehr weiter zu steigern. Dem steht der hohe Anteil verfügbarer Stellplätze gegenüber, der einen (kontraproduktiven) Anreiz darstellt, auch kurze Wege mit dem Pkw zurückzulegen. Rund 10% der Wege unter einem 1 km werden mit dem Auto zurückgelegt, bis 2,5 km sind es fast ein Viertel. Eine Distanz, die bequem zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden kann.

Michael Schwifcz

© Anna Pirato/Stadt Salzburg

Was hat dich im Prozess rund um den Mobilitätsplan Salzburg besonders überrascht?

Die erfolgreiche Einbindung interessierter Bürger:innen im Rahmen des Beteiligungsprozesses, indem konstruktive Vorschläge eingebracht wurden, habe ich – ehrlich gesagt – nicht in dem Ausmaß erwartet. Sowohl die Anzahl der eingebrachten Ideen als auch die Qualität der Beschreibung haben mich beeindruckt. Die Expert:innen vor Ort sind eben vielfach aufmerksame Stadtbewohner. Das hat man auch bei den Ideenworkshops in den Stadtteilen bemerken können.

Wo siehst du die größten Hürden bei der Umsetzung solcher Mobilitätspläne?

Das Umsetzen zielorientierte Maßnahmen über einen längeren Zeitraum bei sich verändernden politischen Mehrheiten, die oftmals von äußeren Rahmenbedingungen, wie budgetären Möglichkeiten oder begrenzten Ressourcen in der Verwaltung überlagert werden, stellt sicherlich eine große Herausforderung dar. In der Praxis sind auch die Abstimmungen zwischen unterschiedlichen Gebietskörperschaften, wie Stadt und Land nicht immer einfach, vor allem wenn unterschiedliche Interessenslagen bestehen. Hinzu kommt die Überlagerung mit kurzfristigen und mittelfristigen Maßnahmen, beispielsweise im Erhaltungsmanagement der Infrastruktur, aber auch anderen Kostenträgern der Kommunen wie Soziales, Bildung und Gesundheit.

Wie wird sich urbane Mobilität in den nächsten 10–20 Jahren verändern?

Die Entwicklung – dies zeigen viele Beispiele aus anderen Städten – geht ganz klar Richtung Umweltverbund, also Stärkung des Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehrs. Nicht als Selbstzweck, sondern weil die Anforderungen an die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum der Städte steigen, die Ballungsräume wachsen und Städte den Verkehr flächeneffizient und stadtverträglich abwickeln wollen. Nicht das Aufrechterhalten der Leistungsfähigkeit für den Autoverkehr steht an erster Stelle der Verkehrsplanung, sondern das Schaffen attraktiver qualitätsvoller öffentlicher Straßenräume. 

Was ist das Wichtigste, das du deinen Studierenden als angehenden Stadt- und Verkehrsplaner:innen für die Zukunft mitgibst?

Ich versuche in meinen Vorlesungen den Studierenden Mut zu machen, Dinge zum Besseren zu verändern. Dabei sollen sie ein Verständnis für den menschlichen Maßstab entwickeln und sich nicht ausschließlich an technokratischen Vorgaben oder dem so genannten „Stand der Technik“ orientieren. Richtlinien können beispielsweise bei einer ersten Orientierung helfen, sollen aber nicht dogmatisch angewendet werden, um damit innovative und für lokale Gegebenheiten passende Lösungen zu verhindern. Verkehrsplanung an der Schnittstelle zu Städtebau, Landschaftsplanung, Architektur und Raumplanung macht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit notwendig. Sie ist einerseits Ausdruck von Fehlern (falsifizierten Theorien) anderer Fachdisziplinen, gleichzeitig verhindert eine autozentrierte Verkehrsplanung das Erreichen von Qualitäten und Zielen in allen anderen Bereichen.

Was möchtest du den Salzburger:innen mitgeben, die sich mit ihren Ideen eingebracht haben?

Zuerst möchte ich mich bedanken, dass sie sich mit ihrer wertvollen Zeit und ihren Ideen an der Gestaltung des zukünftigen Mobilitätssystem in der Stadt Salzburg beteiligt haben. Die Vielzahl und die Qualität der Vorschläge zeigen mir, dass sich die Menschen intensiv mit den wahrgenommenen Problemen beschäftigt haben. Und auch wenn nicht alle eingebrachten Ideen im Mobilitätsplan integriert werden können, so werden sie dokumentiert und gehen nicht verloren.


Du interessierst dich für die eingereichten Ideen der Bürger:innen zum Mobilitätsplan 2040? Hier kannst du sie jederzeit einsehen:

Workshop Dekobild

© Anna Pirato/Stadt Salzburg